Der Unabhängigkeitskampf in Lateinamerika

1492 begann die Besiedelung Südamerikas durch die Europäer, vor allem die Spanier. Mit der „Entdeckung“ Amerikas machte Kolumbus den ersten Schritt hin zur Kolonialisierung des südamerikanischen Kontinents. Nun war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Einheimischen, beziehungsweise die unterdrückte Bevölkerung gegen ihre Machthaber erhoben.

Bereits seit 200 Jahren sind die meisten Staaten Südamerikas unabhängig. Doch war diese frühe Unabhängigkeit ein Fortschritt in der südamerikanischen Geschichte oder haben die Unabhängigkeitskämpfe zur Stagnation oder zu einem negativen Wandel geführt? Welche Folgen brachten sie mit sich und wie sieht die Bevölkerung sie heute?

Die Ursachen der Unabhängigkeitskämpfe

Seit dem 18. Jahrhundert war Südamerika im vollständigen Besitz  Spaniens, lediglich Brasilien blieb eine portugiesische Kolonie.  In der Übergangszeit vom 18. zum 19. Jahrhundert traten nun allerdings vermehrt nationale Bewegungen auf, die für die Unabhängigkeit Südamerikas kämpften.

Die Französische Revolution, sowie der gewonnene Unabhängigkeitskrieg in den USA, waren ein Vorbild für die damalige Bevölkerung der Kolonien. Die Idee eines unabhängigen Südamerikas kam auf.

Weiterhin entfremdeten sich die Kolonien immer weiter von ihrem Mutterland. Die Trägerschicht der Befreiungsbewegung war geboren. Die Kreolen, die in den Kolonien geborenen Angehörigen der spanischen Oberschicht, welche besonders durch diese Entfremdung betroffen waren, bildeten diese.

Letztendlich war der Auslöser für die bewaffneten Unabhängigkeitskämpfe eine Krise im spanischen Mutterland. Napoleon besetzte Spanien und der spanische König wurde abgesetzt, die Autorität der Spanier ging verloren und es kam zu Aufständen in den Kolonien.

Die Unabhängigkeitskämpfe

Die Sklavenrevolution in Haiti in den Jahren 1789 bis 1804 gilt als Auftakt der Unabhängigkeitskämpfe. Sie erreichten im Jahr 1804 die Unabhängigkeit von Frankreich, sowie die Freiheit der Sklaven, die Menschen- und Bürgerrechte.

Obwohl dieser Befreiungsakt als Beginn der Unabhängigkeitskämpfe in Lateinamerika angesehen werden könnte, wird auf dem Festland das Jahr 1810 und der Beginn der mexikanischen Revolution als Startschuss der Befreiungskämpfe angesehen und auch als Datum der Unabhängigkeitsfeiern festgelegt. Miguel Hidalgo y Costilla, ein Priester und Revolutionär, trat die Aufstände in Mexiko los, mit seinem Aufruf Grito de Dolores.

1811 wurde im Viezekönigreich Neugranda, welches die heutigen Staaten Venezuela, Kolumbien, Panama und Ecuador umfasste, die Unabhängigkeit Venezuelas ausgerufen. Spanien reagierte daraufhin mit Blockaden der Häfen und Küsten Venezuelas und beendete mit Waffengewalt die Unabhängigkeitskämpfe in Ecuador und Kolumbien, um dort wieder Kolonialherrschaften einzuführen.

Simón Bolívar verglich die Lage Südamerikas bereits 1815 mit der Lage des römischen Reiches nach seinem Zusammenburch:

Wir aber, die wir kaum Spuren der vorhergehenden Zeit bewahren und andererseits weder Indianer noch Europäer sind, sondern ein Mittelding zwischen den rechtmäßigen Besitzern des Landes und den spanischen Usurpatoren, kurzum Amerikaner durch Gebot, aber mit Rechtsansprüchen aus Europa, wir müssen diese Rechte den ursprünglichen Eingeborenen des Landes streitig machen und uns in ihm gegen die Invasion der Invasoren [gemeint sind die Spanier, Anm. d. Red.] behaupten. So befinden wir uns vor einem ganz außergewöhnlichen und komplizierten Fall.

Quelle: Nikolaus Werz: „Einheit und Vielfalt Lateinamerikas“, in: Hans-Georg Lambertz: Lateinamerikaverstehen lernen. Zwölf Bausteine für den Unterricht, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 2011, S.12.

Unter der Führung von Simón Bolívar wurden die Kämpfe jedoch wieder aufgenommen und Kolumbien wurde 1819 endgültig unabhängig, 1821 folgte Venezuela, 1822 schließlich Ecuador. Diese drei Länder schlossen sich nun zur Großrepublik Kolumbien zusammen. Simón Bolívar wurde der erste Präsident dieses zentral geführten Staats.

Bolívars Ziel war es einen Staatenbund aus allen südamerikanischen Staaten zu erschaffen, um einen gewissen Gegenpol zu Europa zu erschaffen. Dazu griff er auch kurzfristig zu diktatorischen Mitteln zurück. 1826 berief er dazu einen Kongress in Panama ein, welcher jedoch durch die unterschiedlichen Interessen der Staaten, sowie einzelnen Machthabern enttäuschend verlief.  Daraufhin gab Bolívar alle seine Ämter auf, bis er schließlich mehrere Jahre später in Kolumbien starb.

Bolívar unterstützte vor allem die Kämpfe im Norden, im restlichen Teil Südamerikas unterstützte vor allem Argentinien die Befreiungskämpfe. Der General San Martín überquerte mit seinem Heer die Anden und besiegte daraufhin in den Jahren 1817 und 1818 die Spanier in Chile. Nun war der Grundstein gelegt um Peru, die letzte spanische Kolonie, einzunehmen. 1822 wurde die Hauptstadt Lima von San Martín eingenommen, jedoch endeten die Kämpfe erst mit dem Eintreffen Bolívars. 1824 wurde der letzte Stützpunkt der Spanier eingenommen, welcher in Oberperu in den Anden lag. Dieser Teil Perus spaltete sich im Nachhinein ab und nannte sich nach seinem Befreier, Bolívar, Bolivien, welcher später auch Präsident wurde.

Im Vizekönigreich Rio de la Plata, welches grob gefasst die heutigen Staaten Argentinien, Bolivien, Paraguay, Uruguay und einen kleinen Teil von Chile umfasste, endete die Herrschaft Spaniens in den Jahren zwischen 1810 und 1813. Drei Jahre darauf wurde die nationale Unabhängigkeit der Staaten deklariert. Der dauerhafte Zusammenschluss der Staaten Argentinien, Paraguay und Uruguay, scheiterte jedoch aufgrund der verschiedenen Interessen der einzelnen Staaten.

Die Unabhängigkeit und dann?

Nach den Unabhängigkeitskämpfen und dem anschließenden Erlangen der Unabhängigkeit bildeten sich nach kurzer Zeit Staaten, so wie bereits zur Kolonialzeit abgedacht. Jedoch waren diese Staaten nicht selbsttragend und es folgt daraufhin keine große Entwicklung.

Da die Kolonien allesamt von Spanien abhängig waren, gerieten sie nach dem erlangen der Unabhängigkeit in eine enorme wirtschaftliche Krise. Außerdem kam es zu Konflikten innerhalb der Bevölkerung, zwischen reichen Kreolen und der armen indianischen Bevölkerung, was zu erhöhten Spannungen sorgte. Für den Großteil der Bevölkerung brachte die Unabhängigkeit keinen Vorteil, denn an die Stelle der Spanier trat nun die neue Oberschicht der Kreolen, welche nun privilegiert wurden.

Ein weiterer Konfliktfaktor stellt das Militär dar. Das Militär handelte unabhängig vom Staat und konnte sich so der politischen Kontrolle entziehen. Dies ist auch heute noch einer der Faktoren der dazu führt, dass Militärputsche in einigen Ländern Südamerikas unternommen werden, beziehungsweise wurden.

Zusätzlich zum Militär stellten sogenannte Caudillos, verschiedene Anführer in den einzelnen Staaten, einen weiteren Konfliktpunkt dar. Durch die Machtkämpfe der einzelnen Anführer kam es zu keiner stabilen Regierung und teilweise auch zu Diktaturen, wie beispielsweise die Diktatur Porfirio Dìazs in Mexiko.

Außerdem kam es zu einem Konflikt zwischen Zentral- und Lokalregierungen, welche sich oft über die Abtrennung oder Grenzziehung bestimmter Länder uneinig war.

Aufgrund dieser ganzen Faktoren sind manche Historiker und Politiker im 20. Jahrhundert davon überzeugt, dass es sich bei den Unabhängigkeitskämpfen um unvollständige Revolutionen handelt. Eine „zweite Unabhängigkeit“ sei von Nöten, in welcher die Südamerikanischen Länder nun ökonomische Unabhängigkeit erlangen.

Noch heute wird die Unabhängigkeit in Südamerika gefeiert. Im Jahr 2010 feierten mehrere lateinamerikanische Staaten 200 Jahre Unabhängigkeit. Diese Feiern dienen letztendlich nicht nur zum Vergnügen, sondern auch zur Selbstreflexion.

Was ist seit der Unabhängigkeit der einzelnen Staaten geschehen und wie nutzen die Führungseliten diese Unabhängigkeit?

Wie sieht die Rolle Südamerikas im 21. Jahrhundert aus?

Dies sind nur einige Fragen die sich Südamerikaner auch zur heutigen Zeit noch stellen und sich auf die damalige Zeit zurückbeziehen.

Fazit

Wie oben ausgeführt brachte die Unabhängigkeit der Staaten viel Konfliktpotenzial mit sich,  wobei nicht immer sofort eine Ideale Lösung gefunden wurde. Die Staaten mussten sich zunächst mit ihrer neuen Rolle und der neu dazu gewonnenen Freiheit abfinden. So war es in gewisser Weise unvermeidlich, dass nicht sofort alles „wie geschmiert laufen kann“.

Die Unabhängigkeitskämpfe bilden einen wichtigen Teil in der Südamerikanischen Geschichte, da sie die Kultur immens beeinflusst haben und somit auch die heutige Lebensweise.

 

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