Tagelöhner oder immer noch Sklaven? – Chinesen in Lateinamerika

1854 Peru; General Castilla ordnete nach fast vier Jahrhunderten die Abschaffung der Sklaverei an. Dies führte jedoch zu einer großen Krise in der Landwirtschaft, da plötzlich sehr viele Arbeiter fehlten. Um diese Krise zu überwinden wurden Tagelöhner, Kulis genannt, nach Peru verschifft. Ein Großteil dieser Kulis waren Chinesen. Schiffe brachten die Chinesen aus ärmsten sozialen Schichten nach Peru, wo sie dann an Arbeitgeber verkauft wurden. In den sechzigern Jahren des 19 Jahrhunderts traten circa 82630 Chinesen die Reise nach Peru an – davon sind 7680 schon allein auf der Überfahrt gestorben.

Die Kulis wurden häufig unter Zwang verschifft und arbeiteten unter menschenunwürdigen Bedingungen, weshalb die chinesische Regierung eine Zeit lang ein Ausfuhrverbot der Kuliserteilte. Dies war ein harter Schlag für die peruanische Landwirtschaft, was sie jedoch nicht stoppte Kulis nach Peru zu rekrutieren. In der Zeit des Auswanderungsverbotes wurden die Chinesen häufig einfach in der portugiesischen Kolonie Macau  (50 Kilometer westlich von Hongkong) verschifft. Trotzdem wurde eine Sondermission an die chinesischen Behörden gesandt , um das Verbot aufzuheben. Das hatte den Vorteil, dass man wieder an chinesischen Häfen anlegen konnte und man unabhängig von den Portugiesen war.

Die Chinesen wurden mit einem Scheinvertrag angelockt und wurden dann für 300-400 Soles (peruanische Währung) verkauft. Oftmals mussten die chinesischen Männer Geld für ihre Familie besorgen, weshalb sie keine andere Wahl hatten, als im Ausland als Tagelöhner zu arbeiten. Sie unterschrieben einen sogenannten „Kulivertrag“, durch den sie sich sehr stark an den Arbeitgeber banden und in einer Abhängigkeit zu ihm standen. Der Vertrag wurde von beiden Seiten und einem Zeugen unterzeichnet.
Die Kulis erhielten jeden Monat vier Pesos (heute umgerechnet 20 Cent) und hatten ein Recht auf bestimmte Nahrungsmittel sowie auf Wechselkleidung. Im Gegenzug mussten sie mindestens 10 Stunden am Tag arbeiten und alle Arbeiten ausführen, die der Arbeitgeber ihnen erteilte. Kulis arbeiteten auf dem Land in fast allen landwirtschaftlichen Betrieben und in der Stadt als Dienstboten, Lastträger und Köche; also überall wo man Arbeiter brauchte. Meistens arbeiteten sie dort unter sehr schlechten, menschenverachtenden Bedingungen.
Zudem verfielen viele Chinesen durch diesen Vertrag  in Leibeigenschaft. Durch die Unterzeichnung des Vertrags verzichteten sie meistens acht Jahre auf ihre Freiheit. In diesen 8 Jahren wurden sie zum Schulden machen verleitet, wodurch ihr Kulivertrag verlängert wurde.

Die Kultur der Chinesen, die sich so von ihrer neuen Umgebung unterschied, die völlig andere Sprache und die Ausbeutung an ihren Arbeitsplätzen führten dazu, dass sich die Chinesen nie richtig in das peruanische Volk eingliedern konnten. Das führte wiederum zum Aufstand der Chinesen im Jahre 1870. Laut der französischen Korrespondenz aus Lima „hätten etwa viertausend Kulis die Verwalter mehrerer Haziendas ermordet und sich dann vor den anrückenden Truppen der Zentralregierung in die Berge geflüchtet.“ Jedoch wurde durch den Aufstand keine Veränderung herbeigeführt. Die Peruaner verschifften einfach „neue“ Kulis um die fehlenden, geflüchteten Arbeiter zu ersetzen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Sklaverei zwar offiziell abgeschafft wurde, die Kuli aber mit ähnlichen Strukturen verschleppt und verkauft wurden wie im Sklavenhandel. Man hatte zwar einen Vertrag, jedoch war dieser meistens nur zum Schein und die Arbeitgeber fanden immer wieder Schlupflöcher. Die Ausbeutung anderer Völker wurde durch die Abschaffung der Sklaverei nicht gestoppt, sondern unter anderem Namen weitergeführt. Man muss dazu sagen, dass dieses Vorgehen nicht nur von den Peruaner durchgeführt wurde. Auch viele andere Länder wie Mexiko und Brasilien, aber auch europäische Länder wie Portugal, Spanien und Deutschland hatten Kuliverträge. Die Gesellschaften in vielen Ländern haben noch Jahrzehnte gebraucht um den Gedanken der tatsächlichen Abschaffung der Sklaverei zu verinnerlichen. Dies war kein leichter Prozess des Umdenkens, aber wie Abraham Lincoln schon sagte: „Those who deny freedom to others deserve it not for themselves“ (Diejenigen, welche anderen das Recht auf Freiheit absprechen, verdienen selber keine.).

Falls ihr noch mehr über die Chinesen, die Sklaverei und andere Aspekte der Lateinamerikanischen Geschichte erfahren möchtet, habe ich noch eine Buchquelle von Fischer Weltgeschichte „Süd-und Mittelamerika 2; Von der Abhängigkeit bis zur Krise der Gegenwart“ – Fischer Taschenbuchverlag.

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