Die Indigene Emanzipations-Bewegung in Südamerika

Wird über die Worte „Indigenen“ oder „Ureinwohner“ nachgedacht, so assoziieren die meisten Menschen mit diesen Begriffen unberührte Völker und Kulturen, die völlig frei vom Einfluss westlicher Kulturen leben. Das Bild unzivilisierter Jäger und Sammler, die abgeschieden im Dschungel leben, hat sich als Stereotypus in den Köpfen der Menschen festgesetzt.

Diese Vorstellungen sind jedoch längst nicht mehr aktuell. Die indigenen Völker Südamerikas gewannen in den letzten Jahren mehr Einfluss und Emanzipationsbewegungen entstanden. Heutzutage ist der Einfluss der Indigenen groß genug, dass sie ein Mitspracherecht in der Politik besitzen. Das bestehende Bild der Menschen muss sich also ändern.

Die Armut prägt jedoch auch heutzutage noch das Leben der indigenen Bevölkerung Südamerikas. Die meisten von ihnen leben unter sehr schlechten Bedingungen, ohne die Möglichkeit einer Schulbildung oder einer ausreichenden Gesundheitsvorsorge. Sie werden zumeist von der Gesellschaft ausgeschlossen und dürfen nicht über Ressourcenverteilung und deren Nutzung entscheiden.

In den letzten Jahrzehnten nahm aufgrund dessen die Ethnisierung der Politik Südamerikas immer weiter zu. Gesellschaftliche Ungleichheiten, soziale Konflikte, der Wunsch nach kultureller Anerkennung und das Bekämpfen der Armut waren und sind nur einige Gründe, weshalb die Ethnisierung so stark zunahm.

Indigene Bewegungen, in jenen Ländern, in denen der Großteil der Bevölkerung aus ihnen besteht, übernahmen eine wichtige Rolle im Kampf um Rechte. Die Indigenen gründeten eigene Parteien, stellten Parlamentarier, Bürgermeister, Senatoren und sogar einen Präsidenten. Sie reformierten die Landesverfassungen und beschlossen Gesetze. Außerdem arbeiten sie auch auf internationaler Ebene, auf welcher sie Unterstützer suchen. Sie sind auch Teil von Debatten über Menschenrechte, Rechten von Minderheiten, der Anerkennung kultureller Verschiedenheit und Vielfalt, sowie  Teil von Hilfsorganisationen.

Lokale, regionale und nationale Verbände organisieren Protestläufe, Blockade, um beispielsweise Bohrungen von Erdöl und Erdgas oder den Bau von Stammdämmen zu verhindern, sie klagen öffentlich die Umweltzerstörung und deren soziale Folgen an, wie die illegale Holzfällung und ihre Konsequenzen. Sie fordern verschiedene Sicherheiten wie etwa Land- und Ernährungssicherheit, den Zugang zu Bildung und Gesundheitsvorsorge, die Selbstverwaltung ihrer Territorien und Agrarreformen. Die indigenen Völker fordern eine Entwicklung, die ihre kulturellen Werte berücksichtigt und einschließt.

Die Anerkennung der Kultur der Indigenen ist ein besonders wichtiges Anliegen der Protestbewegungen. Menschenwürdige Bedingungen allein reichen lange nicht mehr aus, die Einbindung in die Gesellschaft  und Politik sind genauso wichtig.

Es starteten mit der Hilfe externer Partner, wie Kirchen oder Nichtregierungsorganisationen, bereits mehrere Projekte um die Lage der indigenen Bevölkerung zu verbessern. Bildungsprogramme in der zweisprachigen und kulturellen Erziehung, kulturell angepasste Gesundheitsversorgung, die nachhaltige Organisation der Landwirtschaft, Förderprogramme für Frauen, Rechtshilfe, sowie die Pflege des kulturellen Erben durch das Errichten von Museen. All dies ist wichtig um die Kultur der Indigenen in ihrer eigenen Gesellschaft zu erhalten, aber auch um national ihre Kultur zu sichern. Die eigene Identität der indigenen Völker soll damit gestärkt werden.

Besonders in Ecuador und Bolivien sind die indigenen Bewegungen stark vertreten. Am Beispiel Boliviens ist nicht nur die Emanzipation der indigenen Völker zu beobachten, sondern wie all diese Veränderungen letztendlich auch zu einer Radikalisierung der Bewegungen geführt haben.

Nach der Revolution im Jahr 1952 bildeten die Indigenen, welche sich aus Arbeitern, Bergarbeitern und Bauern zusammensetzten, die Opposition gegen die Diktatur von 1964 bis 1982. Sie setzten eine Agrarreform durch, wobei die Bergarbeiter Gewerkschaften bildeten, die stark marxistisch und trotzkistisch geprägt waren und somit die Oppositionsgruppen anführten. In den 1960er Jahren bildete sich ebenfalls eine Bewegung, bestehend aus Bauern und Migranten, welche für ihre kulturelle Identität kämpften, mehr Demokratie und ihr eigenes Land forderten. Durch diese Bewegung entstand der Verband CSUTCB (Confederación Sindical Unica de Trabajadores Campesinos de Bolivia) und viele indigene Parteien finden ihren Ursprung hierin.

Die heutigen Politik, mit Boliviens indigenem Präsidenten Evo Morales und der führenden Partei MAS (Movimiento al Socialismo), baut auf den geschilderten Bewegungen auf. Sie erlebt einen Linksruck und beschreibt die herrschenden Verhältnisse als Ausdruck kolonialer Unterdrückung und Fremdherrschaft der Weißen. Die soziale Frage hat in unserer Zeit höchste Priorität.

Die Macht Boliviens und somit auch der indigenen Bevölkerung kommt auch bei internationalen Veranstaltungen, wie etwa dem Amerika-Gipfel zum Ausdruck.

Mehr als 500 Jahre nach der Eroberung Südamerikas durch die Europäer fanden die Indigenen ihre Stimme und schlossen sich zusammen im Kampf um Freiheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung.

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